Cover von „Und siehe, es war schön bunt!“

„Und siehe, es war schön bunt!“

Menschsein und Identität

Autor: Evangelisches Institut für berufsorientierte Religionspädagogik (EIBOR)
112 Seiten. Vandenhoeck & Ruprecht
Erstellt von Christina Krause, Christine Lanz, Alexandra Wörn, Harald Becker. Joachim Ruopp - mit einem Vorwort von Friedrich Schweitzer
ISBN: ISBN: 978-3-525-70315-1 · Preis: 23 €
Mit einem Beitrag von Georg Magirius

Kurzbeschreibung

Einst schien alles klar: Die Gesellschaft besteht aus Familien, mit Vater, Mutter und Kindern (Plural!). Und jetzt? Das Leben ist bunter geworden. Die Zahl der Singles hat stark zugenommen. Gleichgeschlechtliche Paare finden eine offizielle staatliche Anerkennung, auch in Gestalt der gleichgeschlechtlichen Ehe. Menschen, die anders sind – auch im Blick auf ihr Geschlecht – machen ihre noch immer häufig erfahrenen Leidensgeschichten öffentlich und klagen ihre Rechte ein.

Vieles ist in Bewegung geraten. Zugleich aber sind die Farben oft künstlich bunt. Schönheit-OPs fungieren mitunter als Weihnachtsgeschenk oder als Präsent zum Abitur. Der Körper wird zum Projekt, für dessen Gestaltung jeder und jede selbst Verantwortung übernehmen soll. Alles gut?

Die Texte des Bands greifen Facetten des Lebens auf wie Körperlichkeit, Geschlechterrollen, Geschlechtsidentität, Familienbilder oder das eigene Arbeitsleben. Dabei zeigt sich: Der Mensch kann und darf unterschiedlich leben, darauf weist nicht zuletzt das christlich-biblisch grundierte Verständnis vom Leben hin.

Georg Magirius schildert, angeregt vom Buch „Schmetterlingstango„, wie er seiner tot geborenen Tochter einen roten Strampelanzug anzieht. in dem sie auch beerdigt werden wird. Seine Gedanken fliegen weiter in Richtung Himmel, wenn er sie wiedersehen wird.

Leseprobe

Auferstehung eines Strampelanzugs

(…) Julianes Strümpfe und Strampelanzüge, ihre beiden Mützen behielten wir im Haus. Ein Kleid aber
ist verschwunden und dennoch geblieben, wie auch Juliane verschwunden und geblieben ist: ein Strampelanzug in Dunkelrot, weiß gestreift, darauf ein Bär genäht. Als das Kind seinen Fußabdruck im Babypass hinterlassen hatte, zog ich ihm dieses Rot an. Der Strampelanzug war sehr real, genau wie Julianes Hand, ihr Kopf, alles war extrem wirklich. Nun liegt sie im Wald, in der Erde. Und da ich sie gehalten habe, hielte ich es für einen Verlust, wenn es beim Hoffen auf ein Weiterleben einzig um die Seele ginge.

So glaube ich an die Auferstehung im Fleisch, mag das für viele auch noch so seltsam klingen. Mir ist dieser Glaube ein Trost, weil er mich hoffen lässt: ich habe meine Tochter nicht zum letzten Mal berührt. Wenn im Himmel wirklich Freude herrscht und nie mehr Angst, Geschrei und Schmerzen, dann dürfte es für Gott das geringste Problem darstellen, dort auch einen Strampelanzug zuzulassen.

Aber ist das nicht zu irdisch gedacht? Schließlich bedeutet Auferstehung nicht die lineare Fortsetzung des hiesigen Lebens, wenden Experten ein. Sie berufen sich auf den Apostel Paulus, den vermutlich größten Auferstehungsforscher aller Zeiten. Er sagt: Der Leib wird auferstehen, sich aber verwandeln. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Juliane bleibt Juliane und ist dennoch verändert. Ich werde sie also mitsamt dem Strampelanzug wiedersehen. Was aber hat sich denn dann überhaupt verwandelt? Das Neue ist: Sie wird sich bewegen. (…)